BMW Berlin Marathon 2026

Der BMW Berlin Marathon 2026 im Rollstuhl – ein Perspektivwechsel auf 42,195 Kilometern

Drei Achilles-Athletinnen auf vier Beinen und vier Rädern, ein alter Rollstuhl und ein großes Ziel: den BMW Berlin Marathon gemeinsam ins Ziel bringen.

Marieke und Stephi standen bereit um mich jeweils einen Halbmarathon schieben. Ich selbst hatte mich mit meinem Pedaltrainer von ambi.fit vorbereitet. Die Motivation war groß, und mein Plan war ehrgeizig: Ich wollte möglichst viele Kilometer aus eigener Kraft bewältigen und den Rollstuhl selbst anschieben.

Doch zwischen Vorbereitung und Wirklichkeit lagen 42,195 Kilometer – und einige überraschende Erkenntnisse.

Eingestiegen – und sofort wechselt die Perspektive

In der Nähe des Startbereichs stieg ich in den Rollstuhl – und allein das verändert sofort etwas. Plötzlich bin ich nicht mehr auf Augenhöhe mit den Menschen um mich herum. Mein Blick kommt von unten, die Perspektive ist eine andere. Was zunächst wie eine kleine Veränderung klingt, fühlt sich erstaunlich grundlegend an.

Und dann sind da die Blicke. Ich nehme sie sofort wahr. Viele sind mitleidig, manche drücken Anerkennung aus. Vielleicht ist es gerade diese ungewohnte Position, die mich plötzlich so aufmerksam dafür macht, wie andere mich ansehen.

Kurz nach dem Start folgt die erste Ernüchterung. Das selbstständige Anschieben ist viel schwieriger als gedacht. Der Rollstuhl scheint ein Eigenleben zu führen und macht, was er will. Dazu ist die Bewegung unglaublich anstrengend – und zwar auf eine ganz andere Weise, als ich es von meinem Training mit dem Pedaltrainer kenne. Nach hinten greifen und den Rollstuhl-Ring nach vorne ziehen. Es geht in die Schultern.

Meine Motivation ist groß, aber meine Kräfte und die Tücken des Rollstuhls setzen mir Grenzen. Also übernimmt Marieke zunächst den Antrieb. Zwischendurch probieren wir es immer wieder, dass ich selbst anschiebe. Für kleine Strecken halte ich durch.

Die Zuschauer jubeln uns zu. Das fühlt sich gut an. Doch irgendwann kommt mir ein Gedanke, der mich nicht mehr loslässt: Sie jubeln mir zu, aber eigentlich ist es Marieke, die uns vorwärtsbringt. Sie erbringt die Leistung, sie investiert die Kraft.

Ist das Inklusion? Nein, nicht wirklich. Zumindest fühlt es sich für mich in diesem Moment eher nach Integration an. Ich bin dabei, gehöre zum Geschehen, bin Teil des Marathons. Aber ich trage selbst noch viel zu wenig dazu bei.

Ein Rollstuhl als Saboteur

Kilometer um Kilometer spulen wir ab. Marieke gibt alles. Doch der Rollstuhl macht es uns wirklich nicht leicht. Das alte Ding hat zwar neue Reifen bekommen, aber die scheinen ihre eigenen Vorstellungen davon zu haben, wohin die Reise gehen soll. Sie rollen, wie sie wollen. Dazu kommen Berlins Straßen, die zu beiden Seiten abfallen. Für Autofahrer oder auch Fußgänger kein Problem, aber für einen Rollstuhl eine große Herausforderung. Mal zieht er nach links, mal nach rechts. Ständig muss Marieke gegenlenken und korrigieren. Ein echter Saboteur auf Rädern!

Ich kann nur erahnen, wie anstrengend das für sie sein muss. Umso mehr bewundere ich, wie sie sich durchbeißt. Und ich vermute, sie ist ausgesprochen froh, als wir endlich die Halbmarathonmarke erreichen und sie an Stephi übergeben kann. Noch schnell ein Foto zu dritt – schließlich muss dieser Moment festgehalten werden – und dann geht es weiter.

Gemeinsam kämpfen. Jeder auf seine Weise.

Stephi übernimmt und gibt tüchtig Gas. Manchmal muss ich sie ein wenig bremsen. Schließlich bin ich nicht nur Passagierin, sondern möchte selbst etwas beitragen. Gleichzeitig fordert Stephi mich immer wieder dazu auf, selbst anzuschieben. Also kämpfe ich weiter.

Es gibt Momente, in denen ich das Gefühl habe, meine Arme fallen gleich ab. Wahrscheinlich werde ich am nächsten Tag jemanden brauchen, der mich füttert. Aber Aufgeben ist keine Option. Ich probiere verschiedene Techniken aus, suche nach Bewegungsabläufen, die für mich funktionieren, und versuche, den störrischen Rollstuhl unter Kontrolle zu bringen.

Schließlich entwickle ich eine Art Wechselmodell: zweimal auf einer Seite anschieben, um die Richtung zu halten, dann einmal auf der anderen Seite. Es funktioniert – sagen wir mal – mittelmäßig. Aber immerhin!

Und Stephi? Die legt immer wieder beeindruckend schnelle Schiebephasen hin. So kommen wir gut voran. Mal gibt sie das Tempo vor, mal versuche ich selbst etwas beizutragen. Es ist ein ständiges Wechselspiel zwischen Anstrengung, Ehrgeiz, gegenseitiger Unterstützung und der Frage, wie wir gemeinsam das Beste aus unseren Möglichkeiten machen.

42 Kilometer voller Geschichten

Langweilig wird uns jedenfalls nicht. Während wir uns durch die Straßen Berlins bewegen, habe ich immer wieder Zeit, die anderen Marathonläuferinnen und Marathonläufer zu beobachten.

Da sind die Genussläufer, die scheinbar unbeeindruckt ihr Tempo laufen, als könnte sie nichts und niemand aufhalten. Dann gibt es diejenigen, die vermutlich spätestens seit der Halbmarathonmarke sichtbar kämpfen und kaum noch wissen, wie sie einen Fuß vor den anderen setzen sollen. Und natürlich sind da auch jene, die sich übernommen haben und zusammenbrechen. Ich bedauere sie, leide mit ihnen und frage mich, wie viel Kraft es wohl kostet, in solchen Momenten weiterzumachen. Und wieviel Selbstliebe man haben muss, um abzubrechen.

Jeder und jede hat offenbar einen ganz eigenen Kampf zu führen. Jeder Körper setzt andere Grenzen, jeder Mensch hat seine eigene Geschichte. Und doch bewegen wir uns alle auf dasselbe Ziel zu.

Auch die Verpflegungsstände gehören zu unserem Marathonerlebnis. Stephi wird dort kurzerhand zur Kellnerin, während ich mit dem Rollstuhl mittendurchrolle. Sie organisiert, reicht und versorgt, ich nehme, was ich brauche. Irgendwie funktioniert es. Und irgendwie ist es auch komisch. Wir nehmen die Situation mit Humor Ich nutze die Zeit, um mich bei de freiwilligen Helfern zu bedanken und sie zu beklatschen. Sie freuen sich, geben den Applaus zurück und wir sind alle irgendwie glücklich.

Die letzten Kilometer – und plötzlich ist alles möglich

Dann, irgendwann, taucht die 40-Kilometer-Marke vor uns auf. Fast geschafft!

Die Erschöpfung ist da, aber das Ziel ist jetzt greifbar. Wir haben uns Kilometer für Kilometer vorangekämpft, haben uns von einem störrischen Rollstuhl nicht unterkriegen lassen und sind trotz aller Schwierigkeiten immer weitergekommen.

Als wir schließlich auf Unter den Linden einbiegen, schlägt uns eine unglaubliche Stimmung entgegen. Die Menschen stehen dicht gedrängt an der Strecke, jubeln, klatschen und feiern die Läuferinnen und Läufer. Und sie feiern auch uns.

Obwohl wir wirklich schon spät dran sind, ist die Begeisterung riesig. Die Zurufe werden lauter, die Hände klatschen, die Stimmung trägt uns förmlich weiter. Immer wieder spüre ich diesen Impuls, nach hinten zu zeigen. Auf Stephi. Auf die Frau, die uns mit ihrer Kraft vorwärtsbringt und die diesen Zieleinlauf genauso verdient wie ich.

Denn ohne sie wären wir nicht hier. Ohne Marieke natürlich auch nicht. Ich hätte sie so gern auf den letzten Metern bei uns.

Dann kommt das Brandenburger Tor.

Mir stehen die Tränen in den Augen. Da ist dieses überwältigende Glücksgefühl, diese Mischung aus Erleichterung, Stolz und Ungläubigkeit. Wir haben es tatsächlich geschafft!

Gleichzeitig spüre ich eine tiefe Dankbarkeit.

Für Marieke, die die erste Hälfte mit mir gemeistert hat.

Für Stephi, die mich auf der zweiten Hälfte immer wieder angetrieben hat.

Für die Kraft der beiden, ihre Ausdauer, ihre Geduld und dafür, dass sie dieses Abenteuer mit mir geteilt haben. Ohne die beiden wäre dieser Marathon für mich nicht möglich gewesen.

Und dann rollen wir über die Ziellinie.

Geschafft! 42,195 Kilometer BMW Berlin Marathon. Die Medaille hängt um meinen Hals. Was für ein Gefühl! Was für ein Geschenk! Danke, Marieke! Danke Stephi! Ihr seid einfach wunderbar!

Was bleibt?

Dieser Marathon war für mich weit mehr als eine sportliche Herausforderung. Er war ein Perspektivwechsel im wahrsten Sinne des Wortes. Ich habe erlebt, wie anders sich die Welt aus dem Rollstuhl ansieht und anfühlt, wie unmittelbar man Blicke wahrnimmt und wie schnell sich die eigene Vorstellung von Leistung verändert.

Ich hatte mich vorbereitet, war motiviert und wollte möglichst viel selbst anschieben. Doch die Realität war anders als erwartet. Der Bewegungsablauf, die Belastung und die Kontrolle über den Rollstuhl stellten mich vor ganz neue Herausforderungen. Ich musste lernen, dass Motivation allein nicht reicht – und dass Selbstständigkeit manchmal viel komplizierter ist, als man von außen denkt.

Auch die Frage nach Inklusion hat mich begleitet. Dabei zu sein, ist wichtig. Aber es ist nicht dasselbe, wie selbst wirksam sein zu können. Ich wollte nicht nur mitgenommen werden, sondern selbst etwas beitragen. Dass mir das nicht immer gelang, war ernüchternd. Gleichzeitig habe ich erlebt, wie viel möglich wird, wenn Menschen sich gegenseitig unterstützen, ohne das gemeinsame Ziel aus den Augen zu verlieren.

Vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Erfahrungen dieses Tages: Gemeinsam ans Ziel zu kommen bedeutet nicht, dass alle dasselbe leisten. Es bedeutet, die eigenen Möglichkeiten einzubringen, die Grenzen der anderen zu respektieren und sich gegenseitig voranzubringen.

Und wer weiß: Vielleicht klappt das mit dem selbstständigen Anschieben beim nächsten Mal schon ein bisschen besser. Motivation habe ich jedenfalls genug. Berlin, wir sehen uns wieder! Nächstes Jahr im Handbike!

NACHWORT: Inklusion ist mehr als dabei sein

Dieser Marathon hat mir eine Frage gestellt, die mich nicht losgelassen hat: Was bedeutet eigentlich Inklusion?

Ich sitze im Rollstuhl, bin Teil eines der größten Laufereignisse der Welt und werde von den Zuschauenden bejubelt. Ich gehöre dazu. Und doch beschleicht mich unterwegs ein ungutes Gefühl: Sie jubeln uns zu, aber wer erbringt eigentlich die Leistung? Marieke und Stephi schieben mich über die Strecke. Sie kämpfen, sie schwitzen, sie bringen uns vorwärts. Ich bemühe mich, selbst anzuschieben, aber mein Beitrag bleibt begrenzt.

Ich bin mittendrin, aber wie viel Teilhabe steckt tatsächlich darin?

Natürlich ist es großartig, dass meine Freundinnen mich mitnehmen und mir dieses Erlebnis ermöglichen. Ohne sie wäre ich nicht über die Ziellinie gerollt. Aber genau darin liegt auch die Ambivalenz: Ich darf teilnehmen, weil andere einen erheblichen Teil der Leistung für mich übernehmen. Ich bin Teil des Ereignisses, kann aber nur eingeschränkt selbst bestimmen, wie ich mich darin bewege und wie viel ich selbst zum Vorankommen beitrage.

Ist das Inklusion? Oder ist es eher Integration – ich werde in eine bestehende Veranstaltung aufgenommen, ohne unter den gegebenen Bedingungen gleichberechtigt aus eigener Kraft teilnehmen zu können?

Vielleicht greift diese Unterscheidung zu kurz. Denn Inklusion bedeutet nicht, dass alle Menschen dasselbe leisten müssen oder alles allein schaffen sollen. Niemand läuft einen Marathon völlig unabhängig von anderen. Auch die Läuferinnen und Läufer sind auf eine Infrastruktur, Verpflegung, Helfende und ein unterstützendes Umfeld angewiesen. Unterstützung ist also nicht das Gegenteil von Selbstständigkeit oder Teilhabe.

Entscheidend ist vielmehr, ob Unterstützung Menschen befähigt, selbst wirksam zu werden, oder ob sie lediglich dafür sorgt, dass sie irgendwie dabei sein können.

Genau das habe ich an diesem Tag körperlich erfahren. Ich hatte mich vorbereitet, war hoch motiviert und wollte möglichst viel selbst anschieben. Doch mein Pedaltrainer hatte mich auf eine andere Bewegung trainiert als die, die ich im Rollstuhl tatsächlich brauchte. Hinzu kamen die Anstrengung, die fehlende Kontrolle über das störrische Gefährt und die Grenzen meiner eigenen Kraft. Mein Wille war da – die Voraussetzungen, ihn wie geplant umzusetzen, waren es nur bedingt.

Das hat meinen Blick auf Inklusion verändert. Denn Teilhabe hängt nicht allein vom Willen eines Menschen ab. Sie hängt auch davon ab, ob die Bedingungen es ermöglichen, die eigenen Fähigkeiten einzusetzen. Ein Rollstuhl, der ständig in eine Richtung zieht, ist dabei mehr als ein lästiges Hindernis: Er macht ganz konkret erfahrbar, wie sehr ein ungeeignetes Hilfsmittel Selbstständigkeit einschränken kann. Und er zeigt, wie schnell die Verantwortung für solche Hindernisse bei den Menschen landet, die sie ausgleichen müssen.

Marieke und Stephi haben diese Hindernisse mit Kraft, Geduld und Humor ausgeglichen. Ihre Unterstützung war ein Geschenk. Aber sie sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass Teilhabe nicht allein vom Einsatz hilfsbereiter Menschen abhängen darf.

Auch die Blicke der Zuschauenden haben mich beschäftigt. Ich habe Mitleid wahrgenommen, aber auch Anerkennung. Vielleicht wurde ich bewundert, weil ich trotz meiner Situation dabei war. Doch was genau wurde da eigentlich anerkannt? Mein Mut? Meine Leistung? Oder die Vorstellung, dass es etwas Besonderes ist, wenn ein Mensch im Rollstuhl einen Marathon erlebt?

Ich kann das nicht sicher wissen. Aber ich möchte nicht nur als jemand wahrgenommen werden, der trotz einer Einschränkung etwas Außergewöhnliches schafft. Ich möchte als Mensch teilnehmen können, dessen Fähigkeiten, Ambitionen und Grenzen ernst genommen werden – ohne Mitleid, ohne überhöhte Bewunderung und ohne dass andere für mich definieren, was möglich sein sollte.

Am Brandenburger Tor, auf den letzten Metern, war all das für einen Moment weit weg. Da waren nur noch die unglaubliche Stimmung, die Tränen in meinen Augen und die Dankbarkeit für meine beiden Freundinnen. Wir hatten es geschafft. Gemeinsam.

Und vielleicht liegt auch darin eine wichtige Erkenntnis: Inklusion heißt nicht, dass niemand Hilfe braucht. Sie heißt auch nicht, dass alle denselben Anteil leisten müssen. Sie bedeutet, dass Menschen dazugehören, mitgestalten und ihre Möglichkeiten entfalten können – und dass wir die Bedingungen dafür gemeinsam schaffen.

Ich bin diesen Marathon nicht allein gefahren. Das muss ich auch nicht. Aber ich möchte, dass meine Teilnahme mehr ist als das Ergebnis der Kraft anderer.

Dabei sein ist ein Anfang. Wirkliche Teilhabe beginnt dort, wo aus dem Dabeisein eigene Wirksamkeit werden kann.